Zeit zählt: Die Olympischen Winterspiele Mailand-Cortina 2026

Glance collection 2026

Interview mit Shorttrack-Läuferin Gloria Ioriatti

Gloria Ioriatti hat den Sport im Blut: Bereits ihre Eltern waren auf den großen Eisbahnen der Welt unterwegs. Vater Ermanno trat ganze vier Mal als Eisschnellläufer bei den Olympischen Winterspielen– Nagano 1998 bis Vancouver 2010 – für Italien an, Mutter Elisabetta Pizio war bei den Olympischen Spielen von Lillehammer 1994 am Start.

Ein Rennen entscheidet sich im Laufe weniger Sekunden. Welchen Eindruck hast du beim Start und unmittelbar davor: Vergeht die Zeit langsamer oder verfliegt sie?

Es ist ein besonderes Gefühl. Während du darauf wartest, dich endlich auf der Bahn aufzustellen, scheint die Zeit nicht vergehen zu wollen. Du denkst an das Rennen, an deine Strategie. Shorttrack ist weniger ein Wettlauf gegen die Zeit als gegen die Gegnerinnen. Zeit ist zwar wichtig, aber ein relativer Faktor: In die jeweils nächste Runde kommen die Erst- oder Zweitplatzierten eines Teams. Während des Wartens denke ich großteils an meine Fitness, die körperliche Verfassung meiner Gegnerinnen und tausend andere Kleinigkeiten. Der unendlich langsame Fluss der Zeit wird plötzlich unterbrochen, wenn ich mich auf die Bahn stelle und der Startschuss fällt. In dreizehneinhalb Runden ist alles vorbei: Die Zeit verfliegt plötzlich – man ist nur darauf konzentriert, die Gegnerin zu überholen und in Windeseile die eigene Leistung und die der anderen zu analysieren. Es ist also ein zwiespältiges Gefühl: Die Zeit bis zum Start eine Unendlichkeit, das Rennen selbst ein Augenblick.

Auf dem Eis denkst du also ausschließlich an das Rennen…

Genau, ich denke an das, was ich tun muss, an die Strategie, die beim Training abgesprochen wurde, und gebe mein Bestes.

Du trainierst monatelang auf ein Rennen, das in wenigen Sekunden vorbei ist: Wie setzt du deine ganze Arbeit um, wenn du auf dem Eis stehst?

Ich habe das große Glück, dass mein Hobby heute meine Arbeit ist. Das tägliche Training ist für mich keine lästige Pflicht – ich habe mich dafür entschieden, und mache das, was ich liebe: Ich lebe meinen Traum. Ich war noch nie bei den Olympischen Spielen dabei, daher fehlt mir diese Erfahrung noch, aber über die Jahre habe ich gelernt, dass mit einem einzigen Rennen noch lange nicht alles vorbei ist. Wenn etwas schiefläuft, gibt es immer noch neue Gelegenheiten, um es besser zu machen. Bei den Olympischen Spielen werde ich natürlich mein Bestes geben. Das Wichtigste ist sicher, nach dem Rennen zu wissen, dass man alles gegeben hat. Shorttrack ist eine unvorhersehbare Disziplin: Ein Kontaktsport, bei dem Stürze keine Seltenheit sind, und ein Einzelwettbewerb, bei dem allerdings ein ganzes Team im Rennen ist. Gerade deshalb ist der Sport nicht nur ein Wettlauf gegen die Zeit, sondern vor allem gegen die Gegnerin oder den Gegner.

Wann in deiner Karriere hast du gespürt, dass die Zeit auf deiner Seite ist?

Manchmal entscheidet ein Bruchteil einer Sekunde über den Ausgang einer Runde. Eine solche Gelegenheit waren die Europameisterschaften in Danzig vor zwei Jahren. Ich war mit einer Teamkollegin auf der Zielgeraden und wurde wegen einiger Hundertstel nur Zweite. Im ersten Moment war ich enttäuscht, aber die gemeinsame Siegesfeier war dann doch wunderbar: Wir waren im selben Team, und die Tatsache, dass ich nicht Erste wurde, ändert letztendlich nichts an meiner guten Leistung.

Die Olympischen Spiele sind das Traumziel aller Sportlerinnen und Sportler, aber gleichzeitig auch eine einmalige Gelegenheit für das Gastgeberland, sich zu präsentieren. Was bedeutet es für dich, dieses Sport-Highlight im Trentino, einem Aushängeschild für Sport und Natur, erleben zu dürfen?

Es war schon immer mein Traum, eines Tages an den Olympischen Spielen teilzunehmen: Für Italien anzutreten ist eine große Ehre. Allerdings findet mein Rennen nicht im Trentino, sondern in Mailand statt. Für das Trentino sind die Spiele jedenfalls eine einmalige Chance, die Schönheit der Landschaft und die Sportkultur unserer Provinz vorzustellen: Bei uns wird Sport so intensiv gelebt wie kaum anderswo. Dieses Jahr haben wir bei der WM sehr gut abgeschnitten und wurden dafür im Trentino gefeiert – das Gemeinschafts- und Zusammengehörigkeitsgefühl war wunderbar. Solche Momente geben uns die nötige Kraft, um mit noch mehr Einsatz weiterzumachen. Da weiß man, dass man nicht nur für sich selbst und nicht nur für sein Land antritt, sondern auch für den Flecken Erde, in dem man aufgewachsen ist und die ersten sportlichen Erfahrungen gesammelt hat: Mein erstes Team etwa war der Eislaufverein Circolo Pattinatori Pinè.